Die Vinland-Karte: Ist sie echt? Neue Hinweise im Historikerstreit

Eine sepiafarbene Karte von Europa und dem Nordatlantik im alten Stil, die an die Vinland-Karte erinnert und beschriftete Regionen wie INLAND, VINLAND, GROENLANDIA und ISLAND mit einem gealterten, verwitterten Aussehen und verdunkelten Rändern zeigt.

Du kennst wahrscheinlich die Geschichte: Christoph Kolumbus entdeckt 1492 Amerika. Punkt. Aber was wäre, wenn eine mittelalterliche Karte beweisen würde, dass die Wikinger Hunderte Jahre früher dort waren? Genau das versprach die Vinland-Karte, als Yale University sie 1965 der Öffentlichkeit präsentierte. Die Sensation war perfekt – nur war sie, wie wir heute wissen, eine Fälschung.

Der Fall der Vinland-Karte ist mehr als die Geschichte eines gefälschten Dokuments. Er zeigt, wie sehr wir uns manchmal wünschen, dass eine Geschichte wahr ist. Und wie schwer es sein kann, die Wahrheit zu akzeptieren, selbst wenn die Beweise eindeutig sind.

Eine Karte erschüttert die Geschichtsbücher

Als Yale 1965 die Vinland-Karte vorstellte, war die Aufregung riesig. Das 13 mal 19 Zentimeter große Pergament zeigte nicht nur Europa und Asien, sondern auch eine Landmasse im Westen – beschriftet als „Vinlanda Insula“. Die Wikinger hatten diese Gegend im Nordosten Nordamerikas tatsächlich Vinland genannt, wie aus isländischen Sagas bekannt war.

Die Karte schien aus dem 15. Jahrhundert zu stammen, also Jahrzehnte vor Kolumbus‘ Reise. Sie lag eingebunden in einem authentischen mittelalterlichen Manuskript, der „Tartar Relation“. Das Pergament wirkte alt, die Handschrift mittelalterlich. Yale hatte sieben Jahre lang im Geheimen an der Überprüfung gearbeitet – gemeinsam mit Experten des British Museum.

Das Timing der Veröffentlichung war kein Zufall. Yale wählte bewusst den Tag vor dem Columbus Day, dem amerikanischen Feiertag zu Ehren des Entdeckers. Die Botschaft war klar: Die Geschichte musste umgeschrieben werden.

Doch die italienisch-amerikanische Gemeinschaft war empört. Für sie war Kolumbus ein Symbol, ein Held. Richter am Obersten Gerichtshof Antonin Scalia sagte Jahre später deutlich: „Ich bin überzeugt, dass die Vinland-Karte nicht echt ist.“

Die Zweifler hatten von Anfang an recht

Schon 1965 meldeten sich skeptische Wissenschaftler zu Wort. Die Karte sehe nicht aus wie eine mittelalterliche Weltkarte. Grönland war überraschend genau als Insel dargestellt – in einer Form, die der Realität erstaunlich nahe kam. Das Problem: Im 15. Jahrhundert hätte niemand Grönland umsegeln können. Die arktischen Gewässer im Norden waren unpassierbar.

Auch andere Details stimmten nicht. Eine lateinische Inschrift erwähnte „Bischof Eirik von Grönland und den umliegenden Regionen“ – eine Formulierung, die der kroatische Gelehrte Luka Jelić Anfang des 20. Jahrhunderts verwendet hatte. Hatte der Kartenschöpfer etwa von Jelić abgeschrieben?

Das British Museum hatte die Karte übrigens schon 1957 abgelehnt, als ein Londoner Buchhändler sie anbot. Die Briten hatten die Tinte untersucht und waren misstrauisch geworden. Aber Yale kaufte das Dokument trotzdem – für eine nicht genannte Summe, finanziert durch den Philanthropen Paul Mellon.

Das verräterische Element

1972 schickte Yale die Karte an das McCrone Research Institute in Chicago. Die Mikroskopie-Experten machten eine bemerkenswerte Entdeckung: Die Tinte enthielt Anatas, eine Form von Titandioxid. Das Problem: Diese Verbindung wurde erst ab 1917 synthetisch hergestellt und ab den 1920er Jahren kommerziell als Pigment verkauft.

Walter McCrone, der renommierte Chemiker, war sich sicher: „Diese Partikel sind einzigartig und können unmöglich 1440 hergestellt worden sein – 300 Jahre bevor Titan überhaupt entdeckt wurde.“ 1974 erklärte sein Institut die Karte offiziell zur Fälschung.

Aber die Debatte war damit nicht beendet. Manche Wissenschaftler argumentierten, Anatas könne auch natürlich entstehen – etwa wenn mittelalterliche Tintenmeister titan-reiches Ilmenit-Erz verwendeten. Andere verwiesen auf Tonstaub, der Titan enthalten könnte. Die Verfechter der Echtheit gaben nicht auf.

2002 zeigte eine Radiokarbon-Datierung, dass das Pergament tatsächlich aus dem Jahr 1434 stammte, plus minus elf Jahre. Das Argument: Das Material ist echt, also könnte auch die Karte echt sein. Doch das Pergament zu datieren, sagt nichts über die Tinte aus.

Das endgültige Urteil

2021 unternahm Yale eine letzte, umfassende Analyse. Das Institut für die Erhaltung von Kulturgütern der Universität nutzte die neuesten Technologien: Röntgenfluoreszenz-Spektroskopie, Raman-Mikroskopie, Rasterelektronenmikroskopie.

Die Forscher scannten nicht nur einzelne Punkte, sondern die gesamte Karte. Das Ergebnis: Anatas war überall verteilt, nicht nur an wenigen Stellen. Zum Vergleich analysierten sie 50 authentische Manuskripte aus dem 15. Jahrhundert. Diese enthielten deutlich weniger Titan und viel mehr Eisen – wie es für mittelalterliche Eisengallustinte typisch ist.

Noch aufschlussreicher: Die Anatas-Partikel auf der Vinland-Karte ähnelten stark einem Pigment, das 1923 in Norwegen kommerziell produziert wurde. Nichts deutete darauf hin, dass das Titan natürlichen Ursprungs war.

Raymond Clemens, Kurator für frühe Bücher an Yales Beinecke-Bibliothek, formulierte es unmissverständlich: „Die Vinland-Karte ist eine Fälschung. Es gibt keinen vernünftigen Zweifel mehr.“

Die manipulierte Inschrift

Die Forscher fanden noch ein weiteres Detail, das die Täuschungsabsicht beweist. Auf der Rückseite der Karte stand eine lateinische Inschrift in alter Eisengallustinte: „Zweiter Teil des dritten Teils des Speculum“. Vermutlich eine Notiz eines Buchbinders.

Diese Inschrift wurde mit moderner Tinte überschrieben, um sie so aussehen zu lassen, als wäre die Karte Teil des „Speculum Historiale“ – des echten mittelalterlichen Werks, mit dem sie gebunden war. Jemand hatte bewusst versucht, die Karte älter erscheinen zu lassen, als sie war.

Wer war der Fälscher?

Bis heute wissen wir nicht genau, wer die Vinland-Karte geschaffen hat. Die Historikerin Kirsten Seaver spekulierte 2004, es könnte der österreichische Kartograf und Jesuitenpriester Josef Fischer gewesen sein. Andere Forscher halten dies für unwahrscheinlich.

Der Buchhändler, der die Karte an Yale verkaufte, gestand 1989, er habe keine Ahnung, woher sie stammte. Er hatte sie von einem italienischen Händler namens Ferrajoli erworben, der kurz nach dem Verkauf wegen Diebstahls verurteilt wurde und kurz nach seiner Entlassung starb.

Manche Hinweise deuten auf einen norwegischen Ursprung: Die Anatas-Partikel ähneln norwegischen Pigmenten von 1923, und die Karte zeigt eine ausgeprägt skandinavische Perspektive auf Nordamerika. Andere Experten vermuten eher einen südeuropäischen Fälscher, der italienische Vorlagen aus dem 16. Jahrhundert nutzte.

Ein Detail ist besonders verräterisch: Die Karte kopiert Fehler aus einer Kupferstich-Reproduktion von 1792. Der Italiener Vincenzio Formaleoni hatte damals die Bianco-Karte von 1436 nachgestochen – und dabei Fehler gemacht. Die Vinland-Karte übernimmt genau diese Fehler. Das beweist: Der Schöpfer arbeitete mit Quellen aus dem 18. Jahrhundert oder später.

Was bleibt von der Geschichte?

Das Ironische an der Vinland-Karte: Sie sollte beweisen, was wir längst wissen. Die Wikinger erreichten Nordamerika tatsächlich um das Jahr 1000. Leif Eriksson segelte von Grönland aus nach Westen und landete vermutlich in Neufundland.

1960 – noch bevor Yale die Karte veröffentlichte – fanden norwegische Archäologen bei L’Anse aux Meadows in Neufundland die Überreste einer wikingerzeitlichen Siedlung. Dort standen einst Langhäuser nach nordischem Vorbild, es gab eine Schmiede, Werkzeuge. Der archäologische Beweis war erbracht.

Die Wikinger waren da. Wir brauchen keine gefälschte Karte, um das zu belegen.

Warum also die Fälschung? Vielleicht, weil eine mittelalterliche Karte dramatischer wirkt als Pfostenlöcher in der Erde. Vielleicht, weil jemand Geld verdienen wollte. Oder weil die Idee, dass nordische Einwanderer schon im Mittelalter Amerika kannten, Anfang des 20. Jahrhunderts attraktiv erschien – für skandinavische Gemeinden in den USA, die ihre eigene Geschichte aufwerten wollten.

Die Karte bleibt

Yale hat entschieden, die Vinland-Karte zu behalten. Sie wird weiterhin in der Beinecke-Bibliothek aufbewahrt und ausgestellt – nicht als mittelalterliche Weltkarte, sondern als historisches Objekt eigener Art. Als Beispiel dafür, wie Fälschungen funktionieren. Und als Warnung.

Die Karte erinnert uns daran, dass selbst renommierte Institutionen sich täuschen lassen können. Dass der Wunsch, eine bestimmte Geschichte zu glauben, manchmal stärker ist als die Vorsicht. Und dass die Wissenschaft Zeit braucht, um Fehler zu korrigieren.

Historiker Raymond Clemens hofft, dass die Debatte nun endlich beigelegt ist. Zu lange haben Wissenschaftler die Karte in ihre Theorien einbezogen, „nur für den Fall, dass sie doch echt sein könnte“. Das führte zu falschen Schlussfolgerungen, zu verzerrten Narrativen.

Die Vinland-Karte mag eine Fälschung sein, aber sie hat uns etwas gelehrt: Selbst in der Geschichtswissenschaft ist Skepsis keine Unhöflichkeit, sondern eine Tugend. Und manchmal ist die echte Geschichte – Wikinger, die um das Jahr 1000 den Atlantik überqueren, in Holzschiffen ohne Kompass – spektakulärer als jede Fälschung.

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Roberts & Maclay

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