Inuit-Sprachen wirken schneereicher, weil sie Schneephänomene sehr fein unterscheiden und diese Unterschiede durch ihre polysynthetische Grammatik in viele spezifische Wortformen überführen. Dadurch entsteht der Eindruck „viele Wörter“, obwohl es sich sprachstrukturell um Ableitungen aus wenigen Grundstämmen handelt.
Die Unterscheidung verschiedener Schneearten ist kulturell und praktisch bedeutsam: Für Jagd, Reisen und das Bauen von Unterkünften mussten Inuit genau beschreiben können, ob Schnee frisch, hart, verweht, tragfähig oder gefährlich ist. Die Sprache bildet diese Nuancen durch kombinierbare Suffixe ab, die Beschaffenheit, Bewegung oder Nutzbarkeit des Schnees präzise ausdrücken. Linguistisch bedeutet das: Inuit-Sprachen erzeugen zahlreiche komplexe Begriffe, die funktional wie „viele Wörter“ erscheinen, aber eigentlich flexible Wortbildung zeigen. Dieser Mix aus lebensweltlicher Relevanz und grammatischer Struktur erklärt, warum Inuit scheinbar besonders viele Schneebegriffe besitzen – ohne dass dies ein außergewöhnliches sprachliches Phänomen wäre.


