Wenn Gier eine ganze Welt erfindet
Du kennst die Geschichte: Irgendwo im südamerikanischen Dschungel liegt eine Stadt aus purem Gold. Straßen gepflastert mit Edelsteinen, Dächer aus Goldblech, Schätze ohne Ende. El Dorado – der Goldene. Jahrhundertelang haben Menschen ihr Leben riskiert, um diese Stadt zu finden. Expeditionen verschwanden im Regenwald, Männer verdursten in der Savanne, ganze Vermögen wurden verschwendet. Aber El Dorado wurde nie gefunden. Aus einem einfachen Grund: Es hat nie existiert. Die wahre Geschichte dahinter ist allerdings mindestens so faszinierend wie der Mythos.
Ein nackter Mann und ein heiliger See
Die Legende beginnt nicht mit einer Stadt, sondern mit einem Ritual. Irgendwann im 15. oder frühen 16. Jahrhundert erreichten spanische Konquistadoren das Hochland der heutigen Kolumbien. Dort, in den Bergen rund um Bogotá, lebte das Volk der Muisca. Sie waren geschickte Goldschmiede und hatten eine bemerkenswerte Zeremonie entwickelt: Wenn ein neuer Herrscher sein Amt antrat, wurde er am Ufer des Guatavita-Sees mit klebrigem Harz eingerieben und dann mit Goldstaub bedeckt. Der „vergoldete Mann“ – auf Spanisch „El Dorado“ – ruderte dann auf einem Floß zur Mitte des Sees und warf dort Gold und Smaragde ins Wasser, als Opfer für die Götter.
Die Spanier hörten Berichte über dieses Ritual von indigenen Informanten. Aber in der Übersetzung, in der Weitergabe, in der Gier veränderte sich die Geschichte. Aus dem vergoldeten Mann wurde eine vergoldete Stadt. Aus einem einmaligen Ritual wurde ein ganzes Königreich aus Gold.
Die Jagd beginnt
1536 brach der deutsche Konquistador Nikolaus Federmann als einer der ersten gezielt auf die Suche nach El Dorado auf. Er fand nichts außer Strapazen und enttäuschten Hoffnungen. Gonzalo Jiménez de Quesada kam ihm zuvor und gründete 1538 Bogotá – nicht weit vom Guatavita-See entfernt. Als die Spanier das Muisca-Reich eroberten, fanden sie tatsächlich Gold. Aber keine Stadt aus Gold, nur kunstvolle Objekte und Schmuck.
Das hätte das Ende der Legende sein können. War es aber nicht. Denn die Vorstellung war zu verlockend: Wenn die Muisca so viel Gold hatten, musste es doch irgendwo noch mehr geben. Noch weiter weg. Noch tiefer im Dschungel. Der Mythos wanderte mit jeder enttäuschten Expedition weiter nach Osten.
Lope de Aguirre und der Wahnsinn
1560 startete eine der berüchtigtsten Expeditionen auf der Suche nach El Dorado. Pedro de Ursúa führte etwa 370 Männer den Amazonas hinab, begleitet von seiner Geliebten Inés de Atienza. Die Expedition entwickelte sich zum Albtraum. Lope de Aguirre, ein skrupelloser Abenteurer, meuterte und ermordete Ursúa. Aguirre erklärte sich selbst zum „Zorn Gottes“ und ließ jeden töten, der ihm widersprach – auch Inés de Atienza.
Die Überlebenden trieben monatelang durch den Dschungel und den Fluss. Sie fanden kein Gold. Nur Krankheiten, Hunger und den langsamen Zerfall aller zivilisierten Ordnung. Aguirre verfasste einen Brief an den spanischen König, in dem er ihm abschwor und sich von Spanien lossagte. Als die Expedition schließlich die venezolanische Küste erreichte, waren nur noch wenige am Leben. Aguirre wurde kurz darauf hingerichtet.
Seine Geschichte zeigt, was die Suche nach El Dorado mit Menschen machte: Sie verwandelte Vernunft in Obsession und Männer in Monster.
Walter Raleigh und die englische Tragödie
Auch die Engländer ließen sich vom Mythos verführen. Sir Walter Raleigh, Höfling und Abenteurer, unternahm 1595 eine Expedition nach Guayana im heutigen Venezuela. Er war überzeugt, dass El Dorado – inzwischen „Manoa“ genannt – dort am Ufer des Parime-Sees lag. Raleigh kehrte mit leeren Händen zurück, aber sein Bericht „The Discovery of Guiana“ befeuerte die Legende nur noch mehr.
Jahrzehnte später, 1617, unternahm der inzwischen gealterte Raleigh eine zweite Expedition. König James I. hatte ihn unter der Bedingung aus dem Gefängnis entlassen, dass er Gold nach England bringen würde. Die Expedition wurde zum Fiasko. Raleighs Sohn Walter wurde bei einem Gefecht getötet. Gold fanden sie keines. Als Raleigh nach England zurückkehrte, wurde er hingerichtet – auch weil er die königlichen Erwartungen so bitter enttäuscht hatte.
Was trieb sie an?
Die Frage ist nicht nur, warum so viele Menschen nach El Dorado suchten. Sondern warum sie weitersuchten, nachdem klar war, dass es die Stadt nicht gab. Die Antwort liegt in der Psychologie der Hoffnung und der Gier. Jeder misslungene Versuch konnte erklärt werden: Man hatte einfach an der falschen Stelle gesucht. Die nächste Expedition würde es finden. Mit besserer Ausrüstung. Mit besseren Karten. Mit mehr Glück.
Außerdem gab es durchaus Gold in Südamerika. Die Inka hatten beeindruckende Mengen angehäuft. Warum sollte es nicht noch ein anderes Reich geben, noch weiter entfernt, noch reicher? Die Logik der Gier ist: Wenn etwas existiert, kann auch mehr davon existieren.
Der See gibt seine Geheimnisse preis – fast
Der Guatavita-See, wo alles begann, wurde tatsächlich mehrfach „entleert“. 1545 schnitt der spanische Händler Hernán Pérez de Quesada einen Kanal in den Seerand und ließ das Wasser teilweise ablaufen. Er fand einige Goldobjekte im Schlamm – genug, um die Legende am Leben zu halten, aber nicht genug für echten Reichtum.
1898 unternahm eine englische Firma einen weiteren Versuch. Sie leiteten das Wasser durch einen Tunnel ab und trockneten den See fast vollständig aus. Im Schlamm fanden sie tatsächlich einige goldene Gegenstände. Aber der Schlamm trocknete in der Sonne zu hartem Lehm und machte weitere Ausgrabungen unmöglich. Die Firma ging bankrott.
Heute ist der See geschützt. Die kolumbianische Regierung hat alle weiteren Versuche verboten. Die wenigen geborgenen Objekte kann man im Goldmuseum in Bogotá bewundern – kunstvoll, wertvoll, aber keine Stadt aus Gold.
Was bleibt vom Mythos
El Dorado existierte nie als Stadt. Aber der Mythos hat die Geschichte Südamerikas geprägt wie kaum ein anderer. Er trieb Expeditionen an, die nebenbei den Amazonas erforschten, neue Handelswege erschlossen und – auf tragische Weise – zur Unterwerfung und zum Tod unzähliger indigener Völker beitrugen.
Der Mythos zeigt auch etwas über uns Menschen: Wir sind erstaunlich gut darin, das zu sehen, was wir sehen wollen. Die Muisca hatten eine religiöse Zeremonie mit Gold. Die Spanier sahen eine Einladung zum Plündern. Aus einem Mann, der einmal mit Goldstaub bedeckt wurde, wurde eine ewige goldene Stadt.
Die moderne Suche
Auch heute gibt es Menschen, die nach El Dorado suchen. Moderne Schatzsucher mit Satellitenbildern und Drohnen. Gelegentlich tauchen Meldungen auf über neu entdeckte Ruinen im Dschungel, über rätselhafte Erdwälle oder vergessene Siedlungen. Manche davon sind real – wie die Entdeckung von umfangreichen präkolumbianischen Siedlungsstrukturen im bolivianischen Amazonasgebiet. Aber keine davon ist eine Stadt aus Gold.
Vielleicht ist das auch gut so. Der wahre Schatz von El Dorado war nie das Gold. Es war die Fähigkeit des Mythos, Vorstellungskraft zu entfachen. Die Geschichte eines vergoldeten Mannes auf einem heiligen See wurde zu einem der mächtigsten Märchen der Neuzeit. Sie erzählt von menschlicher Gier, von hoffnungsloser Hoffnung, von der Härte der Eroberung und von der seltsamen Macht, die Geschichten über uns haben.
El Dorado liegt nicht im Dschungel. Es liegt in unseren Köpfen. Und dort wird es wohl bleiben – unerreichbar, unvergänglich, aus dem reinsten Gold der Fantasie.





