Ubar – die verlorene Stadt der Wüste

Alte Steinruinen mit Bögen und Säulen stehen in einer Wüstenlandschaft, die vermutlich Überreste von Ubar sind, umgeben von felsigem Boden und Sanddünen unter einem teilweise bewölkten Himmel.

Das arabische Atlantis im Sand der Geschichte

Irgendwo in der endlosen Weite der arabischen Wüste Rub al-Chali soll sie gelegen haben: eine Stadt aus schimmernden Türmen, reich an Schätzen und mächtigen Handelswegen. Ubar, auch Iram der Säulen genannt, war mehr als nur eine Legende aus Tausendundeiner Nacht. Sie war das Zentrum des Weihrauchhandels, eine Metropole der Antike – bis die Wüste sie verschlang.

Die Geschichte dieser versunkenen Stadt fasziniert Archäologen, Abenteurer und Historiker seit Jahrhunderten. Doch was ist Wahrheit, was ist Mythos? Und warum dauerte es bis 1992, bis Satellitenbilder den ersten echten Hinweis auf ihre Existenz lieferten?

Der Reichtum der Düfte

Bevor wir uns in den Sand graben, müssen wir verstehen, warum Ubar überhaupt existierte. Im ersten Jahrtausend vor Christus war Weihrauch Gold wert – buchstäblich. Das Harz des Weihrauchbaums wurde in religiösen Zeremonien von Ägypten bis Rom verwendet, und die einzigen Orte, wo diese Bäume wuchsen, lagen im Süden der arabischen Halbinsel.

Ubar kontrollierte die Weihrauchstraße, jene legendäre Handelsroute, die sich über 3.000 Kilometer durch die unwirtlichste Wüste der Welt zog. Karawanen mit bis zu 2.000 Kamelen machten hier Station, füllten ihre Wasservorräte auf und bezahlten Tribute an die Herrscher der Stadt. Der Wohlstand war gewaltig.

Die antiken Autoren schwärmten von dieser Stadt. Der griechische Geograph Ptolemäus erwähnte sie im 2. Jahrhundert nach Christus als bedeutendes Handelszentrum. Römische Händler kannten die Route. Doch dann verschwand Ubar – spurlos.

Was der Koran erzählt

Im Koran wird Ubar unter dem Namen Iram erwähnt, beschrieben als Stadt „der hohen Säulen, dergleichen nicht erschaffen ward in den Landen“. Die Geschichte ist eine Warnung: Das Volk von Ad, das in Ubar lebte, war stolz und überheblich geworden. Trotz Warnungen des Propheten Hud ignorierten sie die göttlichen Gebote.

Die Strafe folgte prompt. Ein gewaltiger Sandsturm tobte drei Tage und drei Nächte, vernichtete die Stadt und begrub sie unter Bergen von Sand. Ob diese Erzählung historische Ereignisse widerspiegelt oder rein religiöse Allegorie ist, bleibt umstritten. Fest steht: In der arabischen Kultur wurde Ubar zum Synonym für vergänglichen Reichtum und die Gefahren der Hybris.

Die Beduinen der Region kannten die Geschichten über die verlorene Stadt seit Generationen. Sie sprachen von Ruinen, die manchmal nach heftigen Sandstürmen kurz sichtbar wurden, bevor der Wüstenwind sie wieder bedeckte. Doch konkrete Beweise fehlten.

Die Suche beginnt

Der britische Entdecker Bertram Thomas hörte 1930 von Beduinenführern erstmals von den Ruinen. Er fand alte Karawanenwege, die alle zu einem Punkt in der Rub al-Chali führten – mitten ins Nichts. Thomas starb, bevor er seine Suche abschließen konnte, doch sein Buch „Arabia Felix“ weckte das Interesse der wissenschaftlichen Welt.

Jahrzehnte vergingen. Die Wüste galt als zu gefährlich, zu weitläufig, um systematisch durchsucht zu werden. Dann kam die Technologie zu Hilfe.

1984 begann der Amateurarchäologe Nicholas Clapp, sich mit der Legende zu beschäftigen. Clapp war kein akademischer Wissenschaftler, sondern Dokumentarfilmer – aber er hatte eine Idee. Wenn es alte Karawanenwege gab, mussten diese in der Wüste Spuren hinterlassen haben, die vom Weltraum aus sichtbar sein könnten.

Er überzeugte die NASA, Satellitenbilder der Region zu analysieren. Tatsächlich zeigten Radaraufnahmen des Space Shuttle ein Netzwerk alter Handelswege, die zu einem zentralen Punkt im Süden Omans führten – genau dort, wo die Beduinen immer von Ruinen gesprochen hatten.

Der Fund in Shisr

1992 grub ein internationales Team unter Beteiligung von Clapp, dem Archäologen Juris Zarins und omanischen Experten an der Stelle, die die Satelliten markiert hatten. Der Ort hieß Shisr, eine kleine Oase in der Provinz Dhofar.

Was sie fanden, übertraf die Erwartungen: massive Stadtmauern, achteckige Türme, ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem und vor allem ein riesiger Brunnen – oder besser gesagt, ein Krater. Die Stadt war buchstäblich in sich zusammengebrochen.

Unter der Siedlung lag eine gewaltige Kalksteinhöhle. Über Jahrhunderte hatte das Grundwasser den Fels ausgewaschen, bis die Decke nicht mehr das Gewicht der darüber liegenden Stadt tragen konnte. Der Einsturz muss katastrophal gewesen sein. Ein Großteil der Stadt versank in einem einzigen Moment im Erdinneren – vielleicht das reale Ereignis hinter der Legende vom göttlichen Zorn.

Die Funde datierten die Besiedlung von etwa 2800 vor Christus bis ins 6. Jahrhundert nach Christus. Keramikscherben aus Rom, Griechenland und Persien bewiesen den weitreichenden Handel. Überreste von Weihrauch waren überall.

Fragen bleiben offen

Ist Shisr wirklich Ubar? Die Fachwelt ist gespalten. Manche Archäologen glauben, dass Ubar kein einzelner Ort war, sondern ein Gebiet oder sogar mehrere Städte entlang der Weihrauchstraße. Der Name könnte eine ganze Region beschrieben haben.

Andere argumentieren, dass die Größe und Bedeutung von Shisr nicht mit den antiken Beschreibungen übereinstimmt. Die gefundenen Ruinen sind beeindruckend, aber keine Metropole. Vielleicht war Ubar größer und liegt noch immer unter dem Sand, irgendwo in der unendlichen Leere der Rub al-Chali.

Juris Zarins, einer der führenden Archäologen der Expedition, vertrat eine pragmatische Position: Shisr war mit Sicherheit ein wichtiges Zentrum der Weihrauchstraße und könnte eines von mehreren Orten gewesen sein, die zusammen „Ubar“ bildeten.

Die Macht der Legenden

Was Ubar so faszinierend macht, ist nicht nur die archäologische Rätselhaftigkeit, sondern die Art, wie historische Fakten und Mythen verschmelzen. Die Stadt existierte wirklich, der Handel war real, der Reichtum dokumentiert. Und der Untergang – ob durch Erdbeben, Erdfall oder Sandsturm – traf offensichtlich eine blühende Siedlung.

Die Legende formte die Suche, und die Suche enthüllte eine Legende. Geschichten wie die von Ubar zeigen, dass mündliche Überlieferungen oft einen wahren Kern haben, auch wenn Jahrhunderte der Erzählung sie mythisch überhöhen.

Was bleibt

Heute ist Shisr eine UNESCO-Welterbestätte. Du kannst die Ruinen besuchen, die Türme umrunden und in den Krater blicken, der einst eine Stadt verschluckte. Die Oase liegt verlassen in einer der lebensfeindlichsten Gegenden der Erde – ein stiller Zeuge vergangener Größe.

Die Weihrauchbäume wachsen noch immer in der Region. Ihr Harz wird noch immer gehandelt, wenn auch nicht mehr auf Kamelrücken. Die Handelswege sind verschwunden, von Wind und Zeit gelöscht.

Doch die Geschichte von Ubar, dieser Stadt aus Glanz und Gier, aus Reichtum und Ruin, lebt weiter. Sie erinnert uns daran, dass selbst die mächtigsten Zivilisationen vergänglich sind – und dass die Wüste ein perfektes Gedächtnis hat, auch wenn sie es jahrhundertelang für sich behält.

Vielleicht liegen noch weitere Städte unter dem Sand der Rub al-Chali, wartend darauf, dass jemand mit der richtigen Technologie und der nötigen Hartnäckigkeit sie findet. Bis dahin bleibt Ubar das, was es immer war: ein Versprechen, ein Rätsel, eine Warnung – und eine der größten Entdeckungen der modernen Archäologie.

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Aus der Feder von Roberts & Maclay stammen nicht nur die täglichen History Snacks, sondern auch erfolgreiche Bestseller-Buchserien wie die „Tom Wagner Abenteuer“ und die „François Cloutard Coups“.