Nan Madol: Die „Versunkene Stadt“ im Pazifik – Mythos oder Realität?

Zwei große, alte Steinbauten mit rechteckigen Blöcken, die an Nan Madol erinnern, stehen teilweise im Wasser, umgeben von üppigen grünen Bäumen und unter einem wolkenverhangenen Himmel.

Mitten im Pazifischen Ozean, auf einem Korallenriff vor der mikronesischen Insel Pohnpei, liegt eine der rätselhaftesten archäologischen Stätten der Welt. 92 künstliche Inseln, errichtet aus tonnenschweren Basaltblöcken, verbunden durch ein Netzwerk von Kanälen. Nan Madol – das „Venedig der Südsee“. Eine Stadt, die nicht sein sollte, wo sie ist. Eine Megalithanlage, die Fragen aufwirft, für die es bis heute keine abschließenden Antworten gibt.

Ein Bauwerk, das nicht vergehen will

Die Zahlen allein verschlagen dir die Sprache: Über 750.000 Tonnen Basalt wurden hier verbaut. Manche Säulen sind neun Meter lang und wiegen fünf Tonnen. Sie sind ohne Mörtel millimetergenau aufeinandergesetzt, die Hohlräume mit Korallenschutt verfüllt. Auf diesen künstlichen Plattformen standen einst hölzerne Tempel und Wohnhäuser, von denen heute nur noch die steinernen Fundamente zeugen.

Warum baute man auf einem Riff im Meer, statt im sicheren Inselinneren? Diese Frage beschäftigt Archäologen seit Jahrzehnten. Die Antwort liegt vermutlich in der Funktion der Anlage: Nan Madol war kein gewöhnlicher Siedlungsort. Es war das religiöse und administrative Zentrum der Saudeleur-Dynastie, die ab dem Jahr 500 über Pohnpei herrschte. Ein Ort der Macht und der Rituale, strikt getrennt vom Leben der einfachen Bevölkerung.

Die Saudeleurs: Herrscher zwischen Gott und Mensch

Die Saudeleur-Dynastie schuf eine streng hierarchische Gesellschaft. Rund 25.000 Menschen auf Pohnpei dienten den Machthabern. Dem einfachen Volk war der Zutritt zu vielen der heiligen Inseln strikt verboten. Nur die Elite aus Priestern und Herrschern durfte dort leben, dort beten, dort sterben.

Das mächtigste Bauwerk der Anlage ist Nandauwas – eine gigantische Grabplattform von 3.100 Quadratmetern, umgeben von drei Mauerringen. Einer dieser Ringe ist bis zu zehn Meter dick. Das Gebäude ist exakt nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet, ein Detail, das in der übrigen Anlage keine Entsprechung findet. Hier ruhten die Herrscher in monumentalen Gräbern, weit entfernt vom Rest der Welt.

Die Trennung zwischen Sakralem und Profanem war absolut. In einem anderen Komplex residierte der Herrscher mit seiner Familie. Es gab einen Badeteich, einen Altar für einen Krokodilgeist, Tempelanlagen und Quartiere für die Leibwache. Alles streng voneinander abgeschirmt, über Kanäle erreichbar, die bei Flut mit Wasser gefüllt waren. Der Name „Nan Madol“ bedeutet „Zwischenräume“ – ein Verweis auf die Wasserstraßen, die das Stadtbild prägten.

Das Rätsel der Basaltsäulen

Bis heute kann niemand zweifelsfrei erklären, wie die Basaltblöcke an ihren Bestimmungsort gelangten. Die Steine stammen aus verschiedenen Steinbrüchen auf Pohnpei. Wie transportierte man sie über Land und Wasser? Mit welchen Werkzeugen hob man Fünf-Tonnen-Säulen auf schwankende Plattformen?

Die lokale Bevölkerung hat ihre eigene Antwort: Magie. Eine Legende erzählt von Zauberer-Zwillingen, die aus einem mystischen Reich kamen. Mit Hilfe eines Drachen bewegten sie die gewaltigen Steine durch die Luft und errichteten so die Stadt. Einer der Zwillinge soll der erste Saudeleur gewesen sein.

Archäologen gehen von nüchterneren Methoden aus. Vermutlich wurden die Basaltblöcke auf Flößen transportiert. Bei hohem Wasserstand konnte man sie relativ nah an die Baustellen heranführen. Dann nutzte man Hebel, Rollen und Muskelkraft – und vor allem Zeit. Sehr viel Zeit. Tausende Arbeiter müssen über mehrere hundert Jahre an diesem Projekt gearbeitet haben.

Die erste Bauphase begann um das Jahr 1180. Die imposanten Basaltstrukturen entstanden vermutlich ab 1200. Das macht Nan Madol zur ältesten bekannten monumentalen Grabstätte im gesamten pazifischen Raum.

Der Untergang – nicht durch Krieg, sondern durch Wasser

Um 1628 brach das Reich der Saudeleurs plötzlich zusammen. Warum? Die Antwort darauf haben Archäologen erst kürzlich gefunden – und sie ist eine eindringliche Mahnung für unsere eigene Zeit.

Der Meeresspiegel stieg. Nicht katastrophal schnell, aber stetig. Während der Erbauung und Nutzung von Nan Madol kletterte er um etwa einen halben Meter. Das klingt nach wenig, hatte aber verheerende Folgen für eine Stadt auf einem Riff.

Forscher der National Taiwan University rekonstruierten das damalige Klima. Sie analysierten Korallen und Holzkohle aus der Anlage und modellierten die Schwankungen der El-Niño-Southern-Oscillation (ENSO). Dieses komplexe Klimaphänomen verursacht die periodisch wechselnden Wetterlagen El Niño und La Niña. Bei La Niña kann der Meeresspiegel regional vorübergehend um bis zu 30 Zentimeter steigen.

Die Folge: Nan Madol erlebte immer häufiger Überflutungen. Die Kanäle standen bei mittlerer Fluthöhe 70 Zentimeter hoch unter Wasser. Die Ufermauern wurden durch Wellen und Fluten zerstört und mussten ständig repariert oder neu errichtet werden. Ein Wettlauf gegen das Wasser begann – ein Wettlauf, den die Saudeleurs verlieren mussten.

Der Aufwand für den Küstenschutz wurde immer größer, die Deiche immer aufwendiger. Irgendwann stand Nutzen und Aufwand in keinem vertretbaren Verhältnis mehr. Die Elite gab auf. Die religiöse und politische Ordnung brach zusammen.

Einer anderen Überlieferung zufolge wurde die Dynastie von Isokelekel gestürzt, einem Kriegsführer, der der Legende nach der Sohn eines Donnergottes war. Seine Mutter, eine Frau eines Saudeleurs, musste vor der Tyrannei der Herrscher fliehen. Doch Isokelekel kehrte mit einer Flotte zurück und besiegte die Despoten. Er gründete die Dynastie der Nahnmwarki.

Ob Sturz durch Eroberung oder Untergang durch Klimawandel – oder beides zugleich: Nach 1628 war die Macht der Saudeleurs gebrochen. Nan Madol wurde zwar weiterhin als religiöses Zentrum genutzt, aber nur noch in bescheidenem Umfang. Noch 1910 residierte ein Stammeshäuptling auf einer der Inseln. Dann verfiel die Anlage endgültig.

Mythen, Schatzsucher und verfluchte Gräber

Die Entdeckung Nan Madols durch Europäer begann 1828, als der russische Abenteurer Friedrich Heinrich von Kittlitz die Ruinen besuchte. Doch erst 1858 brachte die österreichische Fregatte SMS Novara erstmals Fachgelehrte an den Ort.

Ab 1869 hielt sich der Forscher Johann Stanislaus Kubary im Pazifik auf. Er bewirtschaftete auf Pohnpei eine Plantage und sammelte Relikte aus Nan Madol für das Museum Godeffroy. Seine Aufzeichnungen enthalten detaillierte Lagepläne und Skizzen – wertvolle Dokumente für die spätere Forschung.

1839 fand die Besatzung der Sloop HMS Larne eine spanische Kanone in der Anlage, vermutlich von einem havarierten Schiff. Schnell verbreitete sich ein Gerücht: Nan Madol sei eine Festung spanischer Piraten gewesen, in der ein riesiger Schatz versteckt liege. Abenteurer, Söldner und Schatzsucher strömten herbei und plünderten die Grabanlagen. Unersetzliche archäologische Spuren wurden für immer vernichtet.

Die erste offizielle Grabung unternahm der deutsche Vizegouverneur Victor Berg im April 1907. Doch die Durchführung war derart unsachgemäß, dass die Fundstücke heute kaum noch zuzuordnen sind. Berg starb nur einen Tag, nachdem er das Grab von Isokelekel öffnen ließ. Die offizielle Todesursache: Sonnenstich und totale Erschöpfung. Die Einheimischen waren überzeugt: Die Götter hatten Vergeltung geübt.

Der Fluch der Gräber ist eine Geschichte, die bis heute weitergelebt wird. Ob daran etwas Wahres ist, sei dahingestellt. Fest steht: Viele der frühen Ausgrabungen richteten mehr Schaden an, als sie aufklärten.

Atlantis, Lemurien und fliegende Steine

Wo Rätsel sind, folgen Spekulationen. Nan Madol hat im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Theorien inspiriert, die mit seriöser Archäologie wenig zu tun haben.

Der Autor David Hatcher Childress spekulierte, Nan Madol sei mit dem mythischen versunkenen Kontinent Lemurien verbunden. Der Schriftsteller Bill S. Ballinger vermutete in seinem Buch „Verlorene Stadt der Steine“ (1978), griechische Seefahrer hätten die Stadt um 300 v. Chr. erbaut. Prä-Astronautiker wie Erich von Däniken sind überzeugt, Außerirdische hätten den Ort als Landeplatz für ihre Raumschiffe genutzt. Als Indiz gilt ihnen der alte Name der Stadt: „Riff des Himmels“.

Manche gehen noch weiter. Da einige Teile der Anlage heute unter Wasser liegen, spekulieren Autoren, Nan Madol müsse viel älter sein – möglicherweise 14.000 Jahre. Nach der letzten Deglaziation vor etwa 14.000 Jahren stieg der Meeresspiegel weltweit dramatisch an, als die Eismassen schmolzen. Wenn Nan Madol damals schon existiert hätte, so das Argument, wäre es folgerichtig teilweise überflutet worden.

Diese Theorie übersieht allerdings die wissenschaftlichen Datierungen. Uran-Datierungen der verbauten Korallen und Holzkohle-Analysen belegen eindeutig: Nan Madol wurde zwischen 1180 und 1200 errichtet. Nicht vor 14.000 Jahren.

Die Tatsache, dass Teile der Anlage unter Wasser liegen, lässt sich weit einfacher erklären: Der Meeresspiegel ist seit dem Bau kontinuierlich gestiegen. Zusätzlich senkt sich das Korallenriff allmählich ab – ein geologischer Prozess, der seit Jahrhunderten andauert. Spektakuläre Verschwörungstheorien sind nicht nötig.

Was bleibt: Ein Wunderwerk menschlicher Schaffenskraft

Nan Madol wurde 2016 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die Organisation nennt die Anlage ein „weltweit bedeutendes Meisterwerk kreativer Genialität“. Die enorme Größe der Bauwerke, ihre technische Raffinesse und die Konzentration megalithischer Strukturen zeugen von komplexen sozialen und religiösen Praktiken.

Die Faszination des Ortes liegt nicht in wilden Theorien über Außerirdische oder verlorene Kontinente. Sie liegt in der Realität: Menschen schufen hier mit den Mitteln ihrer Zeit ein Monument, das bis heute Bestand hat. Sie bewegten Tausende Tonnen Gestein über Land und Wasser. Sie errichteten auf einem Riff eine Stadt aus Stein, die über 400 Jahre überdauerte. Sie schufen ein Machtzentrum, das eine Insel vereinte und eine hierarchische Gesellschaft formte.

Und sie scheiterten letztlich an etwas, das uns heute vertraut vorkommt: am steigenden Meeresspiegel. Der Untergang von Nan Madol ist kein Mythos, sondern eine gut dokumentierte Klimageschichte. Die Saudeleurs kämpften gegen das Wasser – und verloren.

Die Ruinen von Nan Madol mahnen uns daran, dass selbst die mächtigsten Zivilisationen verwundbar sind, wenn sich die natürlichen Bedingungen ändern. Das macht die Anlage aktueller, als es auf den ersten Blick scheint.

Du musst nicht an Magie oder Mysterien glauben, um von Nan Madol fasziniert zu sein. Die Wahrheit ist beeindruckend genug.

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Roberts & Maclay

Aus der Feder von Roberts & Maclay stammen nicht nur die täglichen History Snacks, sondern auch erfolgreiche Bestseller-Buchserien wie die „Tom Wagner Abenteuer“ und die „François Cloutard Coups“.