Der Koloss von Rhodos – alles, was du wissen musst

Eine Bronzestatue des Koloss von Rhodos, ein muskulöser Mann mit einer Krone, steht mit erhobenem Arm am Meer. Im Hintergrund treiben Segelschiffe auf dem ruhigen Wasser unter einem dunstigen Himmel.

Du kennst das Bild: Eine gigantische Bronzestatue steht breitbeinig über der Hafeneinfahrt von Rhodos, zwischen ihren Beinen fahren die Schiffe hindurch. Ein dramatisches Monument der Antike, das bis heute die Fantasie beflügelt. Nur leider hat diese Statue niemals so existiert. Die Wahrheit über den Koloss von Rhodos ist komplizierter – aber nicht weniger faszinierend.

Ein Denkmal des Sieges

Im Jahr 305 vor Christus begann für die Stadt Rhodos eine der härtesten Prüfungen ihrer Geschichte. Demetrios Poliorketes, ein mächtiger Feldherr und Nachfolger Alexanders des Großen, belagerte die strategisch wichtige Hafenstadt. Sein Beiname bedeutete „der Städtebelagerer“ – und das aus gutem Grund. Mit einer neunstöckigen Belagerungsmaschine namens Helepolis, der „Stadtzerstörerin“, rückte er gegen die Mauern vor.

Die Rhodier hatten allen Grund zur Verzweiflung. Doch dann, so glaubten sie zumindest, griff ihr Schutzgott Helios ein. Der Sonnengott soll ihnen befohlen haben, nachts heimlich einen Graben zwischen der Stadtmauer und der heranrollenden Belagerungsmaschine zu ziehen. Als die Helepolis am nächsten Morgen vorrückte, stürzte sie in den Graben und versperrte mit ihrem gewaltigen Turm eine bereits geschlagene Bresche in der Mauer. Demetrios gab daraufhin auf und ließ sein gesamtes Belagerungsgerät zurück.

Die Rhodier deuteten ihren Sieg als göttliche Intervention. Und wie dankt man einem Gott für die Rettung? Man errichtet ihm ein Monument, das seinesgleichen sucht.

Zwölf Jahre für ein Weltwunder

Der Auftrag ging an Chares von Lindos, einen Bildhauer von der Insel Rhodos und Schüler des berühmten Lysippos. Die Finanzierung war gesichert: 300 Talente aus dem Verkauf der zurückgelassenen Belagerungsmaschinen – nach heutigem Wert mehrere Millionen Euro. Ab dem Jahr 304 vor Christus begann die Arbeit an einem der ambitioniertesten Bauprojekte der Antike.

Zwölf Jahre dauerte die Fertigstellung. Die Statue maß rund 33 Meter – etwa so hoch wie ein zehnstöckiges Gebäude. Zum Vergleich: Die Freiheitsstatue in New York ist mit Sockel etwa 93 Meter hoch, aber ihre eigentliche Figur misst nur 46 Meter. Der Koloss von Rhodos war also kein unbedeutender Riese.

Die äußere Hülle bestand aus Bronze, vermutlich in großen Platten gegossen und vor Ort zusammengesetzt. Im Inneren stützten Eisenverstrebungen die Konstruktion, zusätzlich beschwerten Steine das Fundament und sorgten für Stabilität. Eine antike Quelle beschreibt ein spektakuläres Bauverfahren: Die Statue sei Etage für Etage hochgewachsen, wobei man die fertigen Teile jeweils mit Erde aufschüttete, um eine ebene Arbeitsfläche zu schaffen. Allerdings bezweifeln Archäologen diese Version heute. Ein solcher Erdberg hätte massive Spuren hinterlassen müssen – und die fehlen.

Wahrscheinlicher ist, dass die Bronzeteile in einer großen Werkstatt nahe dem Standort gegossen und dann wie ein riesiges Puzzle zusammengefügt wurden. Die Rhodier waren erfahrene Bronzegießer, und diese Methode entsprach den damaligen technischen Möglichkeiten besser.

Das tragische Ende eines Genies

Chares von Lindos erlebte möglicherweise die Vollendung seines Meisterwerks nicht. Eine Anekdote aus der Antike erzählt, die Rhodier hätten ursprünglich eine Statue von etwa 18 Metern Höhe bestellt. Als sie später die Maße verdoppeln wollten, verlangte Chares den doppelten Preis. Die Rhodier stimmten zu. Doch Chares hatte sich verrechnet: Bei einer Verdoppelung der Höhe wächst nicht nur die Größe, sondern das gesamte Volumen steigt um das Achtfache. Der Bildhauer ging finanziell zugrunde und soll Suizid begangen haben. Sein Kollege Laches habe dann die Statue vollendet.

Ob diese Geschichte wahr ist, wissen wir nicht. Aber sie zeigt, vor welcher Herausforderung die antiken Baumeister standen.

Wo stand der Koloss wirklich?

Hier wird es kompliziert. Keine antike Quelle nennt den genauen Standort – offenbar war er zu selbstverständlich, um ihn zu erwähnen. Und dann kam die Renaissance. Künstler und Gelehrte des 15. Jahrhunderts schufen das ikonische Bild vom spreizbeinigen Hafenwächter. Dieses Bild prägt unser Vorstellungsvermögen bis heute, obwohl es technisch unmöglich gewesen wäre.

Eine über 30 Meter hohe Bronzestatue mit gespreizten Beinen über einer Hafeneinfahrt? Die Konstruktion hätte niemals standgehalten. Zudem: Wenn der Koloss tatsächlich ins Meer gestürzt wäre, wie hätte Plinius der Ältere ihn 300 Jahre später noch am Boden liegend beschreiben können? Er müsste getaucht sein.

Neuere archäologische Forschungen deuten auf einen ganz anderen Standort hin. Die Archäologin Ursula Vedder schlägt vor, der Koloss habe auf der Akropolis gestanden, oberhalb des Stadions, in dem jährlich Spiele zu Ehren von Helios stattfanden. Dort befindet sich ein Heiligtum, das bisher dem Gott Apollon zugeschrieben wurde – möglicherweise aber das lang gesuchte Helios-Heiligtum ist.

Das würde Sinn ergeben. Bei den Griechen war es üblich, Weihgeschenke direkt im Tempel des verehrten Gottes aufzustellen. Der Koloss wäre dann weithin sichtbar über den Dächern der Stadt gestanden – ein Leuchtfeuer des Stolzes und der Freiheit.

66 Jahre Ruhm, 880 Jahre Trümmer

Das Jahr 226 vor Christus brachte das Ende. Ein verheerendes Erdbeben erschütterte die Insel. Der Koloss brach an seinen Knien zusammen und stürzte. Ptolemaios III. von Ägypten bot sofort an, die Kosten für den Wiederaufbau zu übernehmen. Doch die Rhodier lehnten ab. Ein Orakel hatte sie gewarnt: Der Wiederaufbau würde Unglück bringen.

Also blieben die gewaltigen Bronzeteile liegen. Knapp 880 Jahre lang lagen sie dort – länger, als die Statue jemals gestanden hatte. Plinius der Ältere, der die Trümmer im ersten Jahrhundert nach Christus sah, schrieb ehrfürchtig: „Nur wenige Menschen vermochten den Daumen der Statue mit den Armen zu umfassen. In den zerbrochenen Gliedern klafften riesige Höhlungen.“

Die liegende Ruine wurde zur Touristenattraktion. Ein Sprichwort entstand: „Ein Übel, das gut liegt, soll man nicht von der Stelle bewegen.“ Der gestürzte Koloss war das Beispiel schlechthin.

Im Jahr 654 nach Christus endete auch diese Phase. Arabische Eroberer besetzten Rhodos, und ein jüdischer Kaufmann aus Edessa erwarb die Bronzeteile. Der Legende nach benötigte er 900 Kamele, um das Material abzutransportieren. Die Bronze wurde eingeschmolzen. Vom größten Standbild der griechischen Antike blieb nichts übrig.

Ein Erbe, das bis heute wirkt

Der Koloss von Rhodos stand nur 66 Jahre. Damit war er das kurzlebigste der sieben antiken Weltwunder. Dennoch wurde sein Einfluss enorm. Der französische Bildhauer Auguste Bartholdi ließ sich von ihm inspirieren, als er die Freiheitsstatue entwarf. Die Strahlenkrone, die erhobene Hand – beides Echos des rhodischen Riesen.

Die amerikanische Dichterin Emma Lazarus schrieb 1883 ein Sonett mit dem Titel „The New Colossus“ für die Freiheitsstatue. Darin kontrastiert sie das alte, kriegerische Monument mit dem neuen Symbol der Hoffnung: „Not like the brazen giant of Greek fame…“ – „Nicht wie der eherne Riese griechischen Ruhms…“

Was bleibt vom Koloss von Rhodos? Keine einzige Bronze, kein Fundament, keine gesicherte Gewissheit über seinen genauen Standort. Und doch ist er präsent. Er lebt in unserer Vorstellung weiter als Symbol für menschlichen Ehrgeiz, technische Brillanz – und die Vergänglichkeit aller irdischen Größe.

Die Rhodier errichteten den Koloss aus Dankbarkeit und Stolz. Sie wollten zeigen, dass sie nicht nur militärisch, sondern auch kulturell und technisch zu Außergewöhnlichem fähig waren. In gewisser Weise ist ihnen das gelungen. Nicht trotz, sondern gerade wegen seines frühen Sturzes wurde der Koloss unsterblich.

Manchmal ist die Erinnerung an etwas Verlorenes mächtiger als jedes Monument, das noch steht.

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Roberts & Maclay

Aus der Feder von Roberts & Maclay stammen nicht nur die täglichen History Snacks, sondern auch erfolgreiche Bestseller-Buchserien wie die „Tom Wagner Abenteuer“ und die „François Cloutard Coups“.