Excalibur: Welche historischen Schwerter könnten die Legende inspiriert haben?

Vier mittelalterliche Schwerter, die mit ihren abgenutzten Klingen und abgerundeten Knäufen an Excalibur erinnern, liegen nebeneinander auf einer rauen Steinoberfläche und weisen unterschiedliche Rost- und Altersstufen auf.

Das Schwert, das aus dem Stein gezogen wurde. Die Waffe, die König Artus seine Legitimität verlieh und England einte. Excalibur ist mehr als nur ein mythisches Schwert – es ist ein Symbol für rechtmäßige Herrschaft, unbesiegbare Macht und die Verbindung zwischen einem König und seinem Schicksal.

Aber woher kommt diese Legende eigentlich? Gab es historische Vorbilder, die den Mythos um Excalibur nährten? Die Antwort führt uns zu realen Schwertern, die in ihrer Zeit ebenso legendär waren wie Artus‘ Klinge in der Literatur.

Das Problem mit Artus selbst

Bevor wir uns den Schwertern widmen, müssen wir eines klarstellen: König Artus selbst ist historisch nicht belegt. Die frühesten Erwähnungen stammen aus dem 9. Jahrhundert, Jahrhunderte nach der angeblichen Zeit seiner Herrschaft im 5. oder 6. Jahrhundert. Der Artus, den wir kennen, ist eine literarische Figuration – geschaffen von Autoren wie Geoffrey of Monmouth im 12. Jahrhundert und verfeinert durch spätere Romane.

Trotzdem könnte die Legende auf realen Kriegsherren basieren, die das nachrömische Britannien verteidigten. Und wenn es diese Männer gab, dann trugen sie auch Schwerter. Besondere Schwerter. Schwerter, die Geschichten inspirierten.

Keltische und römische Klingen: Die Wurzeln der Legende

In der Zeit, in der Artus gelebt haben soll, waren Schwerter nicht einfach Waffen. Sie waren Statussymbole, Machtobjekte und manchmal sogar Kultobjekte. Die Kelten und später die Römer in Britannien verehrten ihre Waffen regelrecht.

Die Kelten hatten die Tradition, Schwerter in Seen und Flüsse zu werfen – als Opfergaben an die Götter. Archäologen haben solche Waffen gefunden, manche davon kunstvoll verziert und offensichtlich für zeremonielle Zwecke geschaffen. Diese Praxis könnte die spätere Szene inspiriert haben, in der Excalibur von der „Lady of the Lake“ aus dem Wasser gereicht wird.

Interessanterweise waren römische Spatha-Schwerter in Britannien weit verbreitet. Diese langen, zweischneidigen Klingen wurden von römischen Kavalleristen genutzt und waren technologisch überlegen. Nach dem Rückzug Roms im 5. Jahrhundert blieben solche Waffen zurück – wertvoll, selten und für die nachfolgenden Generationen fast mythisch in ihrer Qualität.

Das Muster-Welded Sword: Technologie wie Magie

Du hast vielleicht von „Damaszenerstahl“ gehört. Im frühmittelalterlichen Europa gab es eine ähnliche Technik namens „Pattern Welding“. Schmiede falteten verschiedene Eisensorten übereinander und schmiedeten sie zusammen, wodurch wellenförmige Muster in der Klinge entstanden.

Für Menschen, die diese Technik nicht kannten, mussten solche Schwerter wie von Zauberhand geschaffen wirken. Die Muster schimmerten im Licht, die Klingen waren flexibel und zugleich hart – Eigenschaften, die ein normales Schwert nicht hatte. Ein Schwert dieser Qualität in den Händen eines Anführers wäre zweifellos Gegenstand von Legenden geworden.

Archäologische Funde aus dem 6. und 7. Jahrhundert zeigen, dass solche Schwerter existierten. Sie waren selten, teuer und wurden oft vererbt. Ein Schwert konnte mehrere Generationen überdauern und dabei seinen eigenen Ruf entwickeln – genau wie Excalibur.

Joyeuse: Das Schwert Karls des Großen

Springen wir einige Jahrhunderte vor. In der Schatzkammer des Louvre liegt ein Schwert namens „Joyeuse“ – angeblich das Krönungsschwert der französischen Könige und der Legende nach die Waffe Karls des Großen.

Karl der Große lebte im 8. und 9. Jahrhundert, also deutlich nach der angeblichen Artus-Zeit. Aber die Geschichten um sein Schwert weisen verblüffende Parallelen zu Excalibur auf: Joyeuse soll magische Eigenschaften gehabt haben, die Farbe wechseln können und den König unbesiegbar gemacht haben.

Die Artus-Legenden, wie wir sie kennen, wurden hauptsächlich im 12. Jahrhundert niedergeschrieben – zu einer Zeit, als die Geschichten um Karl und sein Schwert bereits populär waren. Es ist durchaus möglich, dass die Autoren sich von diesen realen königlichen Schwertern inspirieren ließen.

Wikingerschwerter: Namen und Persönlichkeit

Die Wikinger gaben ihren Schwertern Namen. „Gramr“, „Tyrfing“, „Skofnung“ – diese Waffen hatten in den nordischen Sagas eigene Persönlichkeiten und Geschichten. Sie wurden nicht einfach benutzt, sondern „geführt“. Sie hatten Schicksale.

Diese Tradition war auch in Britannien bekannt, besonders in den Gebieten mit skandinavischem Einfluss. Die Vorstellung, dass ein Schwert mehr ist als nur Metall – dass es einen Willen, eine Geschichte, eine Seele haben könnte – war in dieser Kultur tief verwurzelt.

Excalibur passt perfekt in dieses Muster. Es ist nicht irgendein Schwert. Es hat eine Herkunft (die Lady of the Lake), eine Bestimmung (Artus zu dienen) und ein Ende (zurück ins Wasser geworfen). Das ist wikingisches Denken in keltisch-britischem Gewand.

Das Schwert von San Galgano: Eine verblüffende Parallele

In der Toskana, in der Kapelle von San Galgano, steckt ein echtes Schwert im Stein. Es ist dort seit dem 12. Jahrhundert. Der Legende nach rammte der Ritter Galgano Guidotti es 1180 in den Fels, als er sich vom Krieg abwandte und ein religiöses Leben begann.

Die Datierung ist verblüffend: Geoffrey of Monmouth schrieb seine „Historia Regum Britanniae“ mit der ersten ausführlichen Artus-Geschichte um 1136 – nur wenige Jahrzehnte vor dem Ereignis in San Galgano. Haben die Geschichten um Artus und das Schwert im Stein einen italienischen Ritter inspiriert? Oder existierten ähnliche Legenden schon früher in verschiedenen Kulturen?

Historiker streiten darüber. Aber die Tatsache, dass ein reales Schwert tatsächlich in Stein steckt – und dort von modernen Metallurgen untersucht wurde – zeigt, wie Mythos und Realität verschwimmen können.

Zeremonielle Schwerter und die Macht der Symbole

Was alle diese Schwerter gemeinsam haben: Sie waren mehr als Werkzeuge des Krieges. Sie waren Symbole. Ein König ohne sein Schwert war kein richtiger König. Das Schwert war der physische Beweis seiner Macht, seiner Legitimität, seiner Verbindung zum Göttlichen oder Schicksalhaften.

In vielen Kulturen waren Schwerter Teil der Krönungszeremonie. Das britische Krönungsschwert, das bis heute verwendet wird, heißt passenderweise „Curtana“ und soll ursprünglich Tristan gehört haben – einem anderen Ritter aus dem arthurischen Sagenkreis.

Diese realen Zeremonien und Traditionen bildeten den Nährboden, auf dem Legenden wie die von Excalibur wachsen konnten. Jeder, der eine Krönung erlebte und ein prunkvoll verziertes Schwert sah, konnte sich vorstellen, dass dieses Schwert eine eigene Geschichte, eine eigene Macht besaß.

Was bleibt

Excalibur existierte wahrscheinlich nie – zumindest nicht als das eine, magische Schwert aus der Legende. Aber es gab viele Schwerter, die in ihrer Zeit als außergewöhnlich galten. Schwerter mit besonderen Schmiedetechniken, mit kunstvollen Verzierungen, mit legendären Vorbesitzern.

Diese realen Waffen, kombiniert mit den kulturellen Traditionen der Namensgebung, der rituellen Verwendung und der symbolischen Bedeutung von Schwertern, schufen den perfekten Mythos. Excalibur ist die Essenz all dessen, was ein Schwert für die Menschen des Mittelalters bedeuten konnte: Macht, Legitimität, Schicksal und Magie.

Und vielleicht liegt genau darin die wahre Kraft der Legende. Nicht in einem einzelnen historischen Vorbild, sondern in der Verschmelzung vieler Geschichten, vieler Schwerter, vieler Hoffnungen und Träume über die perfekte Waffe für den perfekten König.

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Aus der Feder von Roberts & Maclay stammen nicht nur die täglichen History Snacks, sondern auch erfolgreiche Bestseller-Buchserien wie die „Tom Wagner Abenteuer“ und die „François Cloutard Coups“.