Devil’s Kettle: Das Naturphänomen, das Wissenschaftler lange nicht erklären konnten

Ein zweistufiger Wasserfall, bekannt als Devil's Kettle, stürzt unter einem bedeckten Himmel über felsige Klippen, die von einem dichten grünen Wald umgeben sind. Das Wasser fließt vom oberen Fall in ein unteres Becken, das von moosbewachsenen Felsen und hohen Bäumen eingerahmt ist.

Du stehst am Ufer des Brule River im Norden Minnesotas. Das Wasser rauscht über Felsen, teilt sich an einer Kante – und dann verschwindet die Hälfte einfach. Nicht in einem See, nicht in einem anderen Fluss. Einfach weg. Jahrzehntelang haben Forscher versucht herauszufinden, wohin das Wasser fließt. Sie haben Farbstoffe ins Wasser gekippt, Tischtennisbälle hineingeworfen, sogar ganze Baumstämme. Nichts kam jemals wieder zum Vorschein.

Ein Wasserfall mit einem Geheimnis

Der Brule River schlängelt sich durch die dichten Wälder des Judge C.R. Magney State Park. An einer Stelle stürzt er etwa vier Meter in die Tiefe – nichts Besonderes für einen Wasserfall. Doch dann passiert etwas Seltsames: Der Fluss spaltet sich. Die östliche Hälfte fließt normal weiter, bildet einen malerischen Wasserfall und plätschert seinen Weg flussabwärts. Die westliche Hälfte stürzt in ein zylindrisches Loch im Gestein, das etwa einen Meter im Durchmesser misst. Und dann? Nichts.

Die Einheimischen nannten diese kreisrunde Öffnung „Devil’s Kettle“ – Teufelskessel. Ein passender Name für etwas, das sich jeder logischen Erklärung zu widersetzen schien. Denn egal wie viel Wasser in dieses Loch strömte, es kam nirgendwo wieder heraus. Zumindest konnte niemand sagen, wo.

Die verzweifelten Versuche der Wissenschaft

In den 1960er Jahren begannen die ersten systematischen Untersuchungen. Hydrologen wollten das Rätsel lösen und griffen zu einer bewährten Methode: Sie schütteten grüne Lebensmittelfarbe in den Kessel. Die Idee war simpel – das gefärbte Wasser müsste irgendwo wieder auftauchen, vielleicht in einem unterirdischen See, vielleicht im Lake Superior, der nicht weit entfernt liegt.

Die Farbe verschwand. Und blieb verschwunden.

Also versuchten sie es mit Tischtennisbällen. Hunderte kleine, leuchtend bunte Bälle wurden in den Schlund geworfen. Sie trieben auf der Wasseroberfläche, bevor sie in die Tiefe gezogen wurden. Niemand fand jemals auch nur einen einzigen wieder. Einige Forscher erzählen von ganzen Baumstämmen, die man in den Kessel warf – auch sie verschwanden spurlos.

Die Theorien wurden immer wilder. Vielleicht führte ein unterirdisches Höhlensystem zum Lake Superior. Vielleicht gab es eine riesige Kaverne tief unter der Erde, die das Wasser aufnahm. Einige spekulierten über ein komplexes Netz aus Lavahöhlen aus längst erloschenen vulkanischen Zeiten. Minnesota liegt auf dem Canadian Shield, einem der ältesten Gesteinskomplexe der Erde. Vielleicht hatte die geologische Geschichte dieser Region Tunnel geschaffen, die tief in die Erde führten.

Das Problem mit den Theorien

Jede dieser Erklärungen hatte einen Haken. Der Lake Superior liegt zwar nur wenige Kilometer entfernt, aber deutlich tiefer als der Devil’s Kettle. Wasser fließt nicht bergauf – nicht ohne Druck, den es hier nicht gab. Eine riesige unterirdische Kaverne klang spektakulär, aber woher sollte der Hohlraum kommen? Das Gestein hier besteht hauptsächlich aus Rhyolith, einem vulkanischen Gestein, das vor über einer Milliarde Jahren entstand. Hart, dicht, nicht besonders anfällig für große Hohlräume.

Und dann war da noch die Sache mit der Menge. Der Brule River führt nicht wenig Wasser. Wenn die Hälfte davon in ein unterirdisches System verschwände, müsste dieses System enorm sein. Und es müsste das Wasser irgendwohin ableiten. Aber wohin?

Taucher hätten Klarheit schaffen können, aber niemand wagte sich in den Kessel. Das Wasser strömt mit enormer Kraft hinein, wirbelt und zieht nach unten. Selbst erfahrene Taucher hielten es für Selbstmord, dort hinabzusteigen.

Die Lösung war die ganze Zeit da

2016 nahmen Wissenschaftler der University of Minnesota das Problem noch einmal auf. Diesmal gingen sie anders vor. Statt zu versuchen, das verschwundene Wasser zu finden, maßen sie einfach die Wassermenge. Vor dem Wasserfall, nach dem Wasserfall. Strömungsmesser, präzise Berechnungen, moderne Technik.

Das Ergebnis war fast enttäuschend in seiner Schlichtheit: Die Wassermenge änderte sich nicht. Was vor dem Wasserfall ankam, floss auch danach weiter. Das bedeutete nur eines – das Wasser, das in den Devil’s Kettle stürzte, kam auch wieder heraus. Irgendwo unterhalb des Wasserfalls, vermutlich nur wenige Meter entfernt, mündete es zurück in den Hauptstrom.

Die Forscher vermuteten, dass das Loch zwar tief reicht, vielleicht zehn, zwanzig Meter, aber dann in einem unterirdischen Kanal nach Osten biegt und unter Wasser wieder in den Fluss mündet. Das würde erklären, warum niemand jemals die Farbstoffe oder Bälle fand – sie wurden in der starken Strömung weitergespült, vermischten sich mit dem Flusswasser und waren nicht mehr zu identifizieren.

Warum die Mystik bleibt

Auch wenn die Wissenschaft das Rätsel gelöst hat – bewiesen ist es nicht vollständig. Niemand hat den unterirdischen Kanal je gesehen. Keine Kamera hat gefilmt, wie das Wasser durch den Fels fließt und zurück in den Brule mündet. Die Messungen sind überzeugend, aber sie lassen einen winzigen Raum für Zweifel.

Und vielleicht ist das gut so. Der Devil’s Kettle hat über Jahrzehnte die Fantasie beflügelt. Er hat gezeigt, dass es selbst in unserer durchgemessenen, durcherforschten Welt noch Orte gibt, die sich nicht sofort erschließen. Orte, an denen die Natur ihre kleinen Geheimnisse bewahrt – zumindest für eine Weile.

Der Kessel ist heute noch genauso beeindruckend wie früher. Das Wasser stürzt hinein, verschwindet in der Tiefe, und für einen Moment fragst du dich: Was wäre, wenn die Wissenschaftler sich irren? Was, wenn da unten doch mehr ist als nur ein Kanal im Fels?

Es sind solche Fragen, die uns daran erinnern, dass nicht jedes Geheimnis sofort gelöst werden muss. Manchmal reicht es, am Ufer zu stehen, dem Rauschen zu lauschen und zu staunen. Auch ohne Tischtennisbälle.

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Roberts & Maclay

Aus der Feder von Roberts & Maclay stammen nicht nur die täglichen History Snacks, sondern auch erfolgreiche Bestseller-Buchserien wie die „Tom Wagner Abenteuer“ und die „François Cloutard Coups“.