Zwischen Florida, Bermuda und Puerto Rico liegt ein Gebiet, das seit Jahrzehnten Geschichten von verschwundenen Schiffen und Flugzeugen hervorbringt. Das Bermudadreieck – manche nennen es auch Teufelsdreieck – ist zum Inbegriff des Unerklärlichen geworden. Doch was ist dran an den Mysterien? Die Wissenschaft hat mittlerweile einige überzeugende Antworten gefunden.
Der Mythos beginnt mit Flight 19
Am 5. Dezember 1945 startet eine Ausbildungsstaffel der US Navy zu einem Routineflug. Fünf Torpedobomber vom Typ TBF Avenger heben von Fort Lauderdale in Florida ab. An Bord: 14 Mann, die meisten davon Flugschüler. Das Kommando hat Lieutenant Charles Taylor, ein erfahrener Pilot – der allerdings erst zwei Wochen zuvor nach Fort Lauderdale versetzt wurde und die Gegend kaum kennt.
Gegen 15:45 Uhr empfängt der Kontrollturm beunruhigende Meldungen. „Beide Kompasse ausgefallen“, funkt Taylor. „Wir wissen nicht, wo wir sind.“ Was folgt, sind verwirrende Funksprüche, die immer schwächer werden. Taylor glaubt sich über den Florida Keys und weist seine Staffel an, nach Osten zu fliegen – eine fatale Fehlentscheidung. Tatsächlich befinden sich die Flugzeuge bereits weit im Atlantik. Je weiter sie nach Osten fliegen, desto hoffnungsloser wird ihre Lage.
Um 18:20 Uhr bricht der Funkkontakt ab. Ein Suchflugzeug, das zu Hilfe starten soll, verschwindet ebenfalls. Sechs Flugzeuge, 27 Männer – spurlos verschwunden. Trotz einer der größten Such- und Rettungsaktionen der damaligen Zeit wird kein einziges Wrackteil gefunden.
Wie aus einem Unfall eine Legende wurde
Der Vorfall hätte eine tragische Episode bleiben können. Doch 1964 prägt der Autor Vincent Gaddis in einem Magazinartikel den Begriff „Bermudadreieck“ und bringt übernatürliche Phänomene ins Spiel. Den Durchbruch schafft schließlich Charles Berlitz mit seinem 1974 erschienenen Buch „Das Bermuda-Dreieck – Fenster zum Kosmos?“.
Berlitz sammelt darin Dutzende Geschichten von verschwundenen Schiffen und Flugzeugen, würzt sie mit Spekulationen über Außerirdische, Zeitportale und die versunkene Stadt Atlantis – und landet einen Weltbestseller. Das Problem: Viele seiner Geschichten halten einer Überprüfung nicht stand.
Der Forscher Lawrence Kusche nimmt sich 1975 die Mühe, jeden einzelnen Fall nachzuprüfen. Sein Ergebnis ist ernüchternd: Viele der angeblich mysteriösen Verschwinden ereigneten sich gar nicht im Bermudadreieck, sondern hunderte Kilometer entfernt. Andere Schiffe sanken bei schweren Stürmen – was Berlitz schlicht verschwiegen hatte. Wieder andere Vorfälle waren frei erfunden.
Die Statistik entlarvt den Mythos
Die entscheidende Frage lautet: Verschwinden im Bermudadreieck tatsächlich mehr Schiffe und Flugzeuge als anderswo? Die Antwort der Experten ist klar: Nein.
Die US-Küstenwache hat die Statistiken ausgewertet. Gemessen am enormen Verkehrsaufkommen in der Region – das Bermudadreieck ist eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt – liegt die Unfallrate im weltweiten Durchschnitt. Auch die Versicherungsgesellschaft Lloyd’s of London bestätigt: Hier passiert nicht mehr als in anderen vielbefahrenen Gebieten.
Der australische Wissenschaftsautor Karl Kruszelnicki bringt es auf den Punkt: Den Versuch, alle Unglücksfälle im Bermudadreieck mit einer einzigen Theorie zu erklären, sei ungefähr so sinnvoll wie der Versuch, alle Autounfälle in einer bestimmten Region auf dieselbe Ursache zurückzuführen.
Monsterwellen: Die Kraft des Ozeans
Trotzdem gibt es natürliche Phänomene, die das Gebiet tatsächlich gefährlich machen. Eines davon sind Monsterwellen – auch Kaventsmänner oder Rogue Waves genannt.
Lange galten diese extrem hohen Wellen als Seemannsgarn. Bis 1995 in der Neujahrsnacht eine norwegische Ölbohrplattform eine 26 Meter hohe Welle maß – die sogenannte Draupner-Welle. Damit war bewiesen: Solche Wellen existieren wirklich.
Der Ozeanograph Simon Boxall von der Universität Southampton hat untersucht, ob im Bermudadreieck besonders günstige Bedingungen für Monsterwellen herrschen. Seine Modellrechnungen zeigen: Wenn drei Stürme aus unterschiedlichen Richtungen aufeinandertreffen, können sich ihre Wellen überlagern und zu wahren Giganten auftürmen.
Eine normale große Welle hat etwa 12 Meter Höhe und eine Kraft von 6 Metertonnen pro Quadratmeter. Moderne Schiffe sind auf 15 Metertonnen ausgelegt. Eine Monsterwelle aber kann mit 100 Metertonnen auf ein Schiff hereinbrechen – und es buchstäblich zerreißen.
Boxall baute ein Modell der USS Cyclops, eines Kohlenschiffs, das 1918 mit 309 Menschen an Bord im Bermudadreieck verschwand. Seine Simulation zeigte: Eine Monsterwelle hätte das Schiff innerhalb von Minuten zum Sinken bringen können, ohne dass es Zeit für einen Notruf geblieben wäre.
Methangas: Wenn das Meer den Auftrieb verliert
Eine weitere wissenschaftlich fundierte Theorie dreht sich um Methangas. Geowissenschaftler haben am Meeresgrund des Bermudadreiecks riesige Methanvorkommen nachgewiesen.
In Tiefen von 500 bis 2000 Metern bilden sich eisähnliche Methanhydrate. Bei Druck- oder Temperaturveränderungen – etwa durch Seebeben oder tektonische Verschiebungen – können diese Brocken aufbrechen. Wenn das Gas dann schlagartig in großen Mengen aufsteigt, passiert etwas Erstaunliches: Es vermischt sich mit dem Wasser und verringert dessen Dichte.
Ein Schiff, das in eine solche Gas-Wasser-Zone gerät, verliert schlagartig an Auftrieb. Es sackt ein und kann innerhalb kürzester Zeit sinken – als würdest du über hartgefrorenen Schnee laufen und plötzlich in einem Neuschnee-Loch versinken. Der Vorgang geht so schnell, dass keine Zeit für einen Notruf bleibt. Und weil das Gas rasch aufsteigt und sich verflüchtigt, hinterlässt es keine dauerhaften Spuren an der Oberfläche.
Stürme, Strömungen und menschliche Fehler
Neben diesen spektakulären Phänomenen gibt es profanere, aber nicht weniger wirksame Gefahren. Das Bermudadreieck liegt in einer meteorologisch anspruchsvollen Region. Plötzliche Wetterumschwünge sind keine Seltenheit. Tropische Stürme, die sich zu Hurrikans auswachsen können, bedrohen die Schifffahrt regelmäßig.
Der Golfstrom, eine der stärksten Meeresströmungen der Welt, durchquert das Gebiet. Er fließt mit enormer Geschwindigkeit nach Norden und kann Wrackteile innerhalb kürzester Zeit über hunderte Kilometer verteilen – was erklärt, warum so selten Trümmer gefunden werden.
Hinzu kommt der menschliche Faktor. Der Fall von Flight 19 zeigt das deutlich: Lieutenant Taylor kannte die Gegend nicht, seine Kompasse fielen aus, und er traf eine verhängnisvolle Fehlentscheidung. Die meisten seiner Flugschüler hatten nur etwa 300 Flugstunden Erfahrung, davon gerade einmal 60 Stunden in diesem Flugzeugtyp.
Die moderne Pilotin Sylvia Wrigley ist die Route im Flugsimulator nachgeflogen – ohne moderne Navigationsinstrumente. Ihr Fazit: „Es war eine dramatische Fehlentscheidung des Staffelführers.“ Kein Mysterium, sondern tragisches menschliches Versagen unter ungünstigen Bedingungen.
Magnetische Anomalien: Ein hartnäckiger Mythos
Immer wieder ist von magnetischen Anomalien die Rede, die Kompassnadeln verrückt spielen lassen sollen. Schon Christoph Kolumbus soll davon berichtet haben. Doch das Project Magnet der US Navy, das über 20 Jahre lang das Erdmagnetfeld untersuchte, konnte diese Behauptung widerlegen. Es gibt im Bermudadreieck keine außergewöhnlichen magnetischen Störungen.
Was Kolumbus tatsächlich beobachtete, war ein normales Phänomem: die Differenz zwischen dem magnetischen und dem geografischen Nordpol. Diese Abweichung variiert je nach Standort auf der Erde – aber sie ist berechenbar und stellt für moderne Navigation kein Problem dar.
Warum der Mythos so hartnäckig überlebt
Trotz aller wissenschaftlichen Erklärungen fasziniert das Bermudadreieck bis heute. Warum? Weil Menschen nach Mustern suchen. Wir haben Schwierigkeiten damit, zuzugeben, dass manchmal einfach mehrere unglückliche Umstände zusammenkommen.
Ein Sturm allein mag ein Schiff nicht versenken. Aber ein Sturm, kombiniert mit einem unerfahrenen Kapitän, einem technischen Defekt und einer ungünstigen Strömung – das kann tödlich enden. Die Wahrheit ist: Das Meer ist gefährlich. Überall. Nicht nur im Bermudadreieck.
Der Mythos lebt auch deshalb weiter, weil er gute Geschichten produziert. Bücher, Filme, Dokumentationen – das Bermudadreieck verkauft sich. Eine rationale Erklärung wie „Schiff sank im Sturm“ ist eben weniger spektakulär als „Schiff von Monsterwelle verschlungen“ oder gar „Schiff in eine andere Dimension entführt“.
Die Wahrheit liegt im Detail
Die Wissenschaft hat das Bermudadreieck weitgehend entzaubert. Monsterwellen, Methanausbrüche, schwere Stürme, der Golfstrom und menschliches Versagen – zusammen erklären sie die allermeisten Vorfälle. Dass manche Schiffswracks nie gefunden wurden, ist angesichts der Tiefe und Weite des Atlantiks nicht überraschend.
Die Geschichte des Bermudadreiecks lehrt uns etwas Wichtiges: Wie leicht sich Mythen bilden, wenn einzelne Vorfälle dramatisiert, Fakten verdreht und natürliche Erklärungen ignoriert werden. Und sie zeigt, dass die Realität – gewaltige Wellen, explosive Gasausbrüche, die unbändige Kraft des Ozeans – oft faszinierender ist als jede übernatürliche Erklärung.
Das Bermudadreieck ist kein Portal zu anderen Dimensionen. Es ist ein Stück Ozean mit ganz realen Gefahren. Und gerade das macht es zu einem Ort, den man respektieren sollte – ohne ihn mit Geheimnissen aufzuladen, die er nicht hat.





